| Wenn Menschen ein und dasselbe sagen, kann es doch ganz anders klingen. Es
kommt eben stets darauf an aus welchem Mund die Botschaft kommt und wie sie
formuliert ist. Das zeigt und auch diese kleine Geschichte aus dem alten China.
Nach einem üppigen Gastmahl schlief der König Yau schlecht ein und träumte
übel. Es war ihm so im Traum, als verliere er einen Finger nach dem anderen.
Noch ehe der Morgen graute, ließ er Tschu, der Träume deuten konnte, an seine
Bettstatt bringen.
Zu diesem Tschu ist zu sagen, dass er einstmals, als er seinen ersten
Traumdeuterrang errungen hatte, nur noch mit gesenktem Kopf umher ging, als er
dann den zweiten Grad erreichte, schritt er nur noch mit gebeugtem Rücken
einher! Als es ihm gelang, den höchsten Rang für einen Traumdeuter zu erklimmen,
schlich er kummervoll die Wand entlang.
Nun also stand Tschu tief gebeugt vor Yau, der sich auf seinem Kissen wälzte
und den Traum, den er gedeutet haben wollte, wiedergab. Tschu überlegte nur
kurz, zog dann seine Augenbrauen zusammen und sprach:" Das ist ein böser Traum,
hoher Herr. So wie deine Finger wirst du deine Söhne, einen nach dem anderen,
durch Tod verlieren." Da erbleichte Yau vor Wut und befahl, dass Tschu sogleich
geköpft werden solle! |
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Yau erhob sich nun von seinem Lager und befahl einen zweiten Ratgeber zu
sich. Dessen Name war Tscho und auch er war ein berühmter Traumdeuter. Aber von
anderer natur als Tschu. Als er seinen ersten Traumdeuterrang errungen hatte,
schritt er, den Kopf hoch erhoben durch die Stadt; als er die nächst höhere
Stufe erklomm, ließ er sich mit einer Sänfte durch die Stadt tragen und als er
endlich den höchsten Rang einnahm, da scheute er sich nicht, selbst den
ehrwürdigen Vater und den Onkel, so als seien bloße Freunde, beim Vornamen zu
nennen!
Selbstbewusst also stand Tscho vor Yau, der seinen Traum wiedergab. " Ach
mein Herr, welche gute Zukunft prophezeit dir dein Traum. Die Finger, oh Yau,
sind deine Söhne. Doch weil du ein Liebling der Götter bist, gewährt ihre
Huld dir ein Leben, dass so lang sein wird, dass du sogar deine Söhne überleben
wirst, zum Ruhme deines Namens und zur Freude deines Volkes."
Über diese Worte freute sich Yau so sehr, dass er befahl, Tscho mit Schätzen
zu überhäufen und ihm einen Raum neben dem seinen im Palast
einzurichten. |